Elliniko II

Als wir das Flüchtlingslager Elliniko II am Samstag verliessen, wussten wir, dass wir zurückkommen würden. Wir waren noch nicht bereit all diese Menschen zurückzulassen.

Wir fanden heraus, dass es drei Flüchtlingslager in Elliniko gibt: Eines im Hockey Stadium, eines in den West Olympic Arrivals und eines auf dem alten Flughafengelände. Wir hörten, dass geplant wird, das Flüchtlingslager Elliniko II (dasjenige im alten Flughafengebäude, welches wir besuchten) die nächste Woche zu räumen und die Flüchtlinge in ein anderes Camp zu schicken. Es wird gesagt, dass es gut organisiert sei.

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Als wir das Flüchtlingslager Elliniko II das zweite mal besuchten, hätte die Begrüssung nicht herzerwärmender sein können. Es waren nur wenige Menschen draussen und wir kannten die Kinder, die dort spielten nicht, ausser einer: der kleine Junge mit dem dunkeln, gekrausten Haaren rannte so schnell er konnte auf uns zu und sprang in unsere Arme. Er klammerte sich an Jil und wir dachten er würde sie nie mehr loslassen.
An diesem Tag, nachdem sich der kleine Junge damit begnügt nur Jils Hand zu halten, trafen wir Chalil aus Afghanistan. Er lebt bereits seit neun Jahren in Griechenland und arbeitete bereits ein geraume Zeit mit Flüchtlingen zusammen. Er koordinierte dieses Camp.
Wir erzählten ihm, dass wir bereits vor zwei Tagen hier waren. Chalil war überrascht, dass wir alleine, ohne offizielle Organisation gekommen sind. Dennoch war er dankbar, dass wir etwas Zeit hatten zu helfen.
Als wir das alte Flughafengebäude betraten, sahen wir ein grosses Durcheinander: Berge von Kleider, Hygieneprodukten und Essen. Wir begannen die dicken Jacken und Winterkleider zu sammeln und sie in Kartonschachteln zu verfrachten. Das Ziel war etwas Ordnung in das Chaos zu bringen. Aber als wir fertig waren, sah alles noch genau so aus wie vorher. Wir fühlten uns hilflos, als würde es keine Rolle spielen, was wir taten, es ist nicht genug um eine Unterschied zu machen. Es spielt keine Rolle wir gross die Mühe, es würde immer zu wenig sein.
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Jil und Chalil

Als wir wieder nach draussen traten sahen wir die “boat refugee foundation” und zwei Frauen von der UNCHR das Camp betraten. Sie stellten einen Tisch auf, um Essen zu verteilen. Flüchtlinge versammelten sich vor den Toren. Einer nach dem anderen kam herein. Um Essen zu bekommen mussten die Flüchtlinge ihre Papiere oder Aufenthaltsbestätigung (wir wissen es nicht genau) vorweisen.
Wir sassen mit einigen Kindern etwas abgelegen vom Geschehen. Weil niemand uns beachtete, hatten wir die Möglichkeit, alles genau zu beobachten.

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Flüchtlinge waten um ihre Papiere vorweisen zu könne und Essen zu bekommen

Während wir mit den Kindern dort sassen, begannen sie uns Wörter in Farsi beizubringen und wir sagten ihnen den englischen Namen. Wir wollten das Lager gerade verlassen, aber unsere jungen Freunde bestanden darauf, dass wir mit ihnen in den oberen Stock gehen würden. Dort wohnen die Flüchtlinge in ihren Zelten, in der Ankunftshalle der alten Flughafens. Wir waren uns nicht sicher, ob es für die anderen Flüchtlinge ok war, wenn wir nach oben in ihren privaten Raum hineinplatzen würden. Wir wollten sie nicht stören. Aber die Kinder waren so starrköpfig und liessen uns nicht gehen. Hand in Hand führten sie uns die Treppe hinauf und luden uns ein.

Zurückblickend wissen wir nicht, wieso wir überhaupt gezögert hatte. Aus jedem einzelnen Zelt, an dem wir vorbeiliefen hörten wir “Hallo’s”, “wie geht es euch’s” und “Dankeschön’s”; die Kinder rannten zu uns, wir sahen Hände, die uns zuwinkten und breites Lachen überall. Alle schienen glücklich uns zu sehen.

Sahar und Farhad’s “Zuhause” war in der Ecke der ehemaliger Ankunftshalle. Ihre Mutter lud uns ein, zu ihnen zu sitzen. Wir zogen unsere Schuhe aus und setzten uns auf die Decke, ausgebreitet auf dem kalten Boden, um es so gemütlich wie möglich zu machen. Sahar, Farhad, Farzad und andere Kinder brachten ihre Rucksäcke mit Notizblöcken und Farbstiften. Sie zeigten uns ihre Zeichnungen; einige waren unglaublich gut für ihr Alter.

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Die Gastfreundschaft dieser Familie war riesengross. Die Mutter reichte uns einen Teller mit Äpfeln und Orangen. Gemeinsam teilten und assen wir die Früchte. Diese Familie hatte nichts, aber sie gab uns trotzdem alles was sie noch übrig hatte. Wir beide vergassen die Zeit, während wir mit dieser Familie auf eine Decke sassen, zeichneten und lachten. Wir fühlten uns so wohl und willkommen, als ob wir zu ihnen gehören würden.
Aber in Wirklichkeit hätten die Unterschiede nicht grösser sein können:  Wir sprachen nicht die selbe Sprache, aber wir konnten uns trotzdem verstehen; sie hatten nichts, aber gaben uns trotzdem alles; sie kamen von der anderen Seite der Welt und wir trafen uns hier in Athen; sie haben eine andere Kultur, andere Bräuche und Sitten und sie glauben an einen anderen Gott als wir, aber es hatte keinerlei Bedeutung, weil am Ende waren wir alle Menschen.

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„Morgen, Morgen? “,  fragte Farhad, als wir das Lager verlassen wollten. Wir antworteten “Vielleicht” wissend, dass es kein vielleicht sein wird, kein morgen, kein Wiedersehen. Aber wie könntest du erklären, dass wir wieder zurückkehren, in unsere wohlhabendes Leben und sie zurücklassen müssen? Wie könntest du ihnen sagen, dass du ihnen nicht aus ihrer Situation helfen kannst? Dass du sie nie wieder sehen kannst.

Wir vermissen euch bereits so sehr und wünschen euch viel Glück für eure Zukunft.
Mögen sich eure Träume auf Freiheit eines Tages erfüllen.

So viel Liebe,

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