“Ich will Menschen zum Lachen bringen”

Wir sind ein kleines bisschen zu spät und fingen Samim* in der Eingangstür ab. „In der Schweiz ist Pünktlichkeit doch wichtig“, sagt er lachend.
Wenig später sitzen wir in einem der kleinen Schulzimmer und Samim beginnt, uns seine Geschichte zu erzählen.
Er wächst in einem kleinen Dorf in Afghanistan auf. Er ist Hazara und wird, wie Millionen andere, von den Taliban und Pashtun unterdrückt und verfolgt. Sein Onkel und Grossvater wurden bereits getötet.
Eines Tages müssen er und seine Familie vor einem Taliban-Angriff fliehen. Samims ältere Schwester stirbt an den Folgen der dramatischen Flucht aus dem Dorf. Aus Angst, dass sein Sohn während den nächsten Kämpfen im Dorf auch ums Leben kommen würde, schickt sein Vater ihn  fort. Samim geht darauf für ein Jahr in den Iran, kommt aber wieder zurück. Sein Vater hat die Kämpfe überlebt, trägt aber schwere Beinverletzungen davon und geht seit dann an einem Stock.

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Mit 15 Jahren macht Samim sich auf eine ungewisse Reise. Nach 10 Tagen erreicht er Kabul, von wo er über Pakistan in den Iran gelangt. Dort reist er mit einem Schlepper weiter Richtung Türkei. Er wandert über Berge, ohne Wasser oder Essen, und muss dabei zusehen, wie drei Männer und eine Frau vor Erschöpfung sterben. Das Schlauchboot, das sie nach Griechenland bringen soll, ist kaputt und die Flüchtlinge darauf müssen es zweimal aufblasen, damit es nicht untergeht.

Nach einem 18-Stündigen Fussmarsch erreicht Samim Lesbos‘ Hauptstadt, wo er sich registrieren muss. Er schläft draussen am Boden, während es in Strömen regnet.
Mit dem Bus reist Samim weiter nach Mazedonien und durchquert dann Serbien bis er in Österreich ankommt.

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In Österreich bekommt er ein Angebot auf Aufenthalt und eine Unterkunft. Doch er lehnt ab. Er weiss, er muss in die Schweiz.
Eine Frau des Roten Kreuzes hatte ihm einst von der Schweiz erzählt, dass es da schön sei, mit vielen Bergen und dass es da keinen Krieg gibt. Da wusste er, dass er in die Schweiz muss.
Doch bis er endlich in der Schweiz ankommt, wird er einige Male von der Polizei verhaftet, in andere Städte abgeschoben und neu registriert. Trotzdem gibt er nicht auf. Er weiss, wohin er will, nimmt sich schliesslich ein Taxi und weiter den Zug, bis er in Basel ankommt.

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Samim lebt nun seit einigen Monaten im Kanton Aargau. Weil er bereits 16 Jahre alt und daher nicht mehr schulpflichtig ist, verliert er so auch sein Recht auf eine reguläre Bildung und darf nicht zur Schule. Er hat die Möglichkeit eine kleine Schule zu besuchen, die mit der Hilfe von Freiwilligen aufgebaut wurde. Auch wenn das, was er hier lernt, nicht das ist, das ihm erlaubt, an die Universität zu gehen, sieht er es als grosse Chance.

Obwohl Samim zufrieden wirkt, gibt er zu, dass er in den ersten Tagen hier nichts essen oder trinken, in der Nacht nicht schlafen konnte. Er hat so viele traurige, schreckliche Dinge gesehen. Doch sein Lachen hat er nicht verloren.

Samim träumt seit er ein kleines Kind ist davon, Krankenpfleger zu werden. In den nächsten Wochen beginnt er seine erste Schnupperlehre in einem Alters- und Pflegeheim.
Etwas zu lernen, das ist das Wichtigste für ihn im Moment. Er will Deutsch lernen und die Schweizerkultur kennenlernen.

Auf die Frage, was es braucht, damit er sich wohl fühlt und glücklich ist, antwortet er ohne Zögern, dass er sich wünscht, dass seine Familie gesund ist. Seit zwei Monaten hat er keinen Kontakt mehr zu ihnen. Obwohl seine Tante ihm versichert hat, dass es seinen Eltern gut geht, hofft er, dass sie noch am Leben sind.
Samim wünscht sich ein ruhiges Leben, ohne Krieg. Doch vor allem will er Menschen helfen.

„Ich will Menschen zum Lachen bringen. Das ist schliesslich das Wichtigste, oder?“

Das finden wir auch und wir wünschen ihm, den wir bestimmt bald wiedersehen werden, dass sein Traum in Erfüllung geht und er genau das machen kann. Uns hat er auf jeden Fall zum Lachen gebracht und wir sind dankbar, dass er seine Geschichte mit uns geteilt hat.
Wir teilen diese Geschichte nun mit euch, weil sie eine Geschichte ist, wie sie so vielen widerfahren ist. Eine Geschichte voller Schmerz und Trauer, die trotzdem so voller Hoffnung ist. Und sie ist ein Beispiel menschlichen Durchhaltevermögens, Vertrauen, Respekt und Liebe.

Die Zukunft dieser Geschichte ist noch unklar, doch ihr stehen hoffentlich ganz viele Türen offen. Wir wünschen dir, Samim, alles Gute für deinen Neuanfang hier bei uns.

Alles Liebe,

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*Name geändert

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