Im Zweifel für die Volljährigkeit?

„Zahlen aus der Datenbank des Staatssekretariates für Migration (SEM) zeigen, dass in der Schweiz auffallend viele Flüchtlinge 18 Jahre alt sind. Besonders eklatant sei dies bei afghanischen Asylbewerbern, schreibt der «Blick». Die Zeitung hat die Angaben von 151’000 Asylbewerbern, die zwischen 2010 und 2015 eingereist sind, analysiert.”

Tagesanzeiger, 12.5.2016

Dies stand am 12. Mai 2016 im Tagesanzeiger sowie zahlreichen weiteren Schweizer Zeitungen und brachte die Schweizer Medien in Aufruhr. Dieser Bericht führte dazu, dass die schon länger kontroverse Frage auf öffentlichem Grund thematisiert wird. Simonetta Sommaruga verlangte darauf vom Chef des Staatssekretariats für Migration (SEM), Mario Gattiker, eine Erklärung für die Verzerrung in der Altersstruktur. Dieser wies die Vorwürfe eindeutig zurück. Das SEM entscheide im Zweifelsfall stets für die Minderjährigkeit. Hinzu komme, dass sich Minderjährige teilweise als Erwachsene ausgeben, um eher an Arbeit zu kommen. In solchen Fällen würde keine Altersbestimmung durchgeführt. Dies deswegen, weil eine Altersbestimmung nur im Zweifel der Minderjährigkeit aber nicht der Volljährigkeit vorgesehen ist. Dies ist die Sichtweise der einen Seite.
Auf der anderen stehen zahlreiche Ärzte und Ärztinnen, die vermehrt die Handknochenanalyse ablehnen, Arbeiter der Schweizerischen Flüchtlingshilfe, der Unicef Schweiz und Soziologen.

„Der Verdacht liegt nahe, dass gegen die Uno-Kinderrechtskonvention verstossen wird.“ Constantin Hruscka, Schweizerische Flüchtlingshilfe

Ein harter Vorwurf gegen die Schweizer Migrationsbehörden. Wahrscheinlich ist, dass diese Kontroverse erst dadurch entstanden ist, dass man zu lange das Augenmerk nicht auf Problematiken wie diese gerichtet hat. Durch jene Zahlen steht das SEM in enorm schlechten Licht. Infrage zu stellen ist unter anderem auch, wie zuverlässig die Daten des BLICKs sind.

Wir sind der Meinung, dass ein solcher skandalähnlicher Vorfall zwar nicht nötig gewesen wäre, es aber gut ist, dass man diese Kontroverse offen diskutiert und in Angriff nimmt. Vor allem wenn man in Betracht zieht, dass die Zahl der Unbegleiteten Minderjährigen Asylsuchenden in den vergangenen Jahren enorm in die Höhe geschossen ist. Dadurch hat das Thema der Minderjährigkeit zusätzlich an Bedeutung gewonnen.

Fakt ist, dass die Unterscheidung zwischen „minderjährig“ und „volljährig“ in zahlreichen Bereichen massive Auswirkungen auf die Zukunft der betreffenden Asylbewerbers hat. Minderjährigen werden in speziellen Unterkünften untergebracht, erhalten eine Vertrauensperson und können, ausser sie haben Angehörige dort, nicht in einen Dublin-Staat zurückgeschickt werden. Zusätzlich müssen die Behörden Abklärungen bezüglich der Betreuungsmöglichkeiten des Kindes im Heimatstaat durchführen, bevor ein Minderjähriger abgeschoben werden kann.
All diese Zusicherungen fallen bei einem Volljährigen weg.
Aus jenen Gründen wird dem SEM vorgeworfen, Minderjährige „erwachsen zu machen“, um sie einfacher ausschaffen zu können. Ist dieser Vorwurf berechtigt? Tatsächlich sind die Zahlen der 18-Jährigen Asylberwerber auffällig.

18jaehrige

Die schwierigste Herausforderung, mit welcher die Behörden konfrontiert werden, ist dass der Besitz eines Passes oder einer ID als starkes Indiz für bzw. gegen die Minderjährigkeit zu behandeln ist. Die Problematik liegt hier darin, dass die meisten Asylbewerber nie im Besitz solcher Ausweispapiere waren oder sie auf der Flucht verloren gingen. Liegen keine solchen Papiere vor, wird die Altersbestimmung anhand medizinischer Abklärungen durchgeführt. Meistens röntgt der zuständige Arzt die Handknochen. Es gibt auch Fälle, in welchen das Schlüsselbein und die Zähne geröntgt und die Geschlechtsreife analysiert wird.

Mediziner betonen allerdings, dass solche Abklärungen für die Altersschätzung bestimmt sind. Für eine Altersfeststellung sind diese Methoden zu ungenau. Das Skelettalter kann mehr als zwei Jahre vom tatsächlichen Alter abweichen, Pubertätsmerkmale können Abweichungen von vier oder mehr Jahren aufzeigen. Ein weiterer Faktor ist, dass sich die äussere Erscheinung sowie die Pubertätsmerkmale in verschiedenen geografischen Lagen sehr unterscheiden können. Auch durch die schwierigen Lagen, durch die sich Flüchtlingskinder kämpfen müssen, führen häufig dazu, dass sie auf psychologischer Ebene als reifer empfunden werden, als für ihr Alter typisch ist. Dies können wir aus persönlicher Erfahrung bestätigen. 12-Jährige können sich verhalten wie Erwachsene, wenn sie niemanden sonst haben, der für ihr 2-Jähriges Geschwister sorgt.

All jene Faktoren zeigen unserer Meinung nach, dass medizinische Methoden zur Bestimmung des Alters eines Asylbewerbers zu ungenau sind. Zusätzlich greifen sie in die Privat- und Intimsphäre des Kindes ein.
Entscheidet das SEM also tatsächlich im Zweifel für die Volljährigkeit? Ob dieser allfällige Verstoss gegen die UN-Kinderrechtskonvention nun zutrifft oder nicht, ist von sekundärer Bedeutung. An erster Stelle sollte auch hier das Kindeswohl stehen. So sollte man sich in einer solchen Situation dafür entscheiden, zu handeln, anstatt darüber zu spekulieren, bei wem der Fehler zu suchen ist.

Das Kind muss angemessen geschützt und betreut werden.
Deswegen: Im Zweifel für die Minderjährigkeit!

 

Alles Liebe,

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Quellen: Schweizerische Flüchtlingshilfe
BLICK
Tagesanzeiger
UN-Kinderrechtskonvention

 

 

 

 

 

 

 

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