Shelter Schweiz – Sie stärken Familien

Es ist ein sonniger Nachmittag und wir klingeln an einer Haustüre in Rupperswil. Im Treppenhaus empfängt uns Martin Wälchli, der Regionalleiter der Ostschweiz von Shelter Schweiz. Zusammen mit ihm und Daniel Bühlmann, Regionalleiter der Zentralschweiz, setzen wir uns in den Konferenzraum. und beginnen die beiden Herren mit unseren Fragen zu löchern.

Shelter Schweiz ist eine Organisation, die Pflegefamilien für Kinder vermittelt. In den letzten Jahren haben sich nun auch einige Pflegefamilien dazu entschlossen, UMA bei sich aufzunehmen. Shelter Schweiz hat ein Netzwerk von ungefähr 70 bis 100 Pflegefamilien.

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Auf die Frage, wie Shelter Schweiz auf das „Problem UMA“ aufmerksam geworden ist, blicken sich die beiden Männer lachend an und beginnen zu erzählen.
In den vergangenen Jahren nahmen die Zahlen der Minderjährigen, die in der Schweiz Asyl suchten, um mehr als das Zehnfache zu. So kam es so weit, dass letztes Jahr der Kanton in letzter Sekunde eine Lösung für die ihm zugeteilten UMA finden musste. Schliesslich dürfen die minderjährigen Asylsuchenden nicht in die gleichen Zentren wie die Erwachsenen eingeteilt werden. 3 UMA wurden damals durch Shelter Schweiz in eine Pflegefamilie gebracht. Heute sind es plus minus 12 UMA.
Eine Pflegefamilie zu finden und sie auf ihre nicht immer leichte Aufgabe vorzubereiten, ist ein längerer Prozess. Es müssen zuerst einige Abklärungsprozeduren durchgeführt und die Pflegefamilien geschult werden. Es gibt jeweils ein Einführungsseminar, das vier Tage dauert, sowie jährliche Weiterbildungskurse. Dabei wird den Pflegefamilien eine Einführung in die Kultur und das Asylwesen gegebenen. Häufig werden auch Kulturvermittler und Übersetzer hinzugezogen, um bei kulturellen oder sprachlichen Differenzen behilflich zu sein.

Wenn plötzlich ein neues Familienmitglied in die Familie hineinkommt, müssen sich alle Familienmitglieder neu anpassen und ihren Platz in der Familie wieder finden.
Um es den UMA etwas leichter zu machen, verlangten die Behörden anfangs, dass die Flüchtlingskinder jeweils zu zweit in Pflegefamilien platziert werden. Dies führte aber eher zu Problemen. Zudem ist es extrem wichtig für die Flüchtlinge, die Deutsche Sprache zu lernen und dies ist nun mal effizienter, wenn man alleine in einer Familie ist, die nur Deutsch spricht.
Neben der unterschiedlichen Sprache gibt es aber noch zahlreiche weitere Bereiche, die eine Integration eines UMA, allgemein eines Flüchtlings, in die Gesellschaft nicht einfach machen. Es treten Schwierigkeiten und unterschiedliche Vorstellungen auf, wie zum Beispiel im Bereich Sauberkeit, gemeinsames Essen am Tisch, „mein und dein“, Erwachsen-sein, Umgang mit Frau und Mann und die Motivation sich zu integrieren.

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Durch all die gegebenen kulturellen und gesellschaftlichen Unterschiede und Differenzen, ist es wichtig, dass sowohl die Pflegeeltern, wie auch der UMA über die andere Kultur Bescheid weiss. So soll versucht werden, auch die Verhaltensweise des Gegenübers besser zu verstehen. Neben Kreativität sind Offenheit, eine grosse Eigenreflexion und der Wille sich weiter zu entwickeln und an sich zu arbeiten wichtige Dinge, die eine Pflegefamilie mit sich bringen muss. Die Offenheit für andere Kulturen und Lebensentwürfe und die Fähigkeit, sein eigenes Handeln zu reflektieren und zu verstehen. Man muss gewillt sein, auch sich selbst anzupassen und an sich selbst zu wachsen und zu arbeiten.

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Oft sind die UMA äusserlich sehr selbstständig, doch innerlich emotional sehr verletzlich. Dazu kommt, dass sie hier häufig mit einer anderen Realität konfrontiert werden, als sie sich vorgestellt hatten. Manchmal haben ihre Familie oder sogar das ganze Dorf für ihre Reise bezahlt, in der Hoffnung, dass sie in Europa Geld für sie verdienen. Trotz den Tatsachen, die anders sind als ihre Erwartungen, wollen die Kinder trotzdem nicht die Familienehre verletzen und stehen deswegen unter grossem Druck.

Trotz all dem Konfliktpotenzial und Schwierigkeiten, ist eine Pflegefamilie eine grosse Chance für einen UMA. Sie können ihre Individualmöglichkeiten vergrössern und durch die Familie und ihre Bekannten sich ein grösseres Netzwerk an Kontakten aufbauen. Eine Integration wird durch eine Familie, die dem Kind Liebe und Zuneigung aber auch Verantwortung und Autorität bietet, sicherlich erleichtert und auch beschleunigt.

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Auf die Frage, was denn eine gelungene Integration eigentlich sei, gebe es keine definitive Antwort, so Martin Wälchli. Es sei wichtig, dass man über seine Gefühle und seine Kultur reden kann, dass man die Möglichkeit hat zur Schule zu gehen, eine Lehrstelle zu suchen, einen Abschluss zu machen, sich eine Wohnung zu suchen, den Status B erhalten. Das Ziel einer guten Integration sei also, dass man den anderen nicht mehr zu Lasten fällt und selber sein Leben führen kann. Kurz: Fähig zu sein, für sich selbst und sein Leben Verantwortung zu übernehmen.
Nach dem langen Gespräch verabschieden wir uns und treten wieder nach draussen in die brütende Hitze. Wir sind ein wenig übermann von den vielen Informationen. Doch wir sind sehr zufrieden. Das Gespräch war sehr interessant und hat uns wieder einmal mehr gezeigt, was durch Eigeninitiative, Offenheit und Kreativität alles möglich ist.

Wir danken Martin Wälchli und Daniel Bühlmann herzlich für das interessante und auch offene Gespräch!

 

Alles Liebe,

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Für mehr Informationen über Shelter Schweiz

 

 

 

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