„Heimat kann man nur mit dem Herzen fühlen“

Etwas verunsichert stehen wir vor dem Bahnhofgebäude in Aarau und suchen in der Menge gespannt nach dem Gesicht, das uns nur vom „WhatsApp-Profilbild“ bekannt war. Wir kennen Ezmari nicht, und als er uns anruft, bemerken wir, dass wir die ganze Zeit über fast nebeneinander gestanden haben.

Gemeinsam machen wir uns auf den Weg in ein Café. Bereits auf dem Weg erzählt uns Ezmari aufgestellt, was er alles so erlebt hatte. Unterwegs treffen wir einen Freund von Ezmari, der uns lachend grüsst und freundlich die Hand schüttelt. Ezmari macht eine Lehre als Zimmermann und arbeitet als Freiwilliger beim Roten Kreuz. Er wohnt seit ungefähr anderthalb Jahren bei einer Gastfamilie, in der drei unterschiedliche Kulturen () aufeinander treffen. Trotzdem hat es noch nie richtigen Streit gegeben. Ezmari möchte gerne Architektur an der ETH oder Sozialpädagogik studieren, seine Leidenschaft ist das Biken, am liebsten „Downhill“, erzählt er enthusiastisch.

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Nachdem wir uns alle einen Kaffee bestellt haben, beginnt Ezmari uns seine Geschichte zu erzählen:

Mit zwölf Jahren schickt seine Mutter ihn aus Afghanistan fort. Sein Vater, Onkel und grosser Bruder sind tot. Drei Jahre lang lebt er im Iran und näht dort Kleider, um etwas Geld zu verdienen. Im Iran muss er zum ersten Mal ins Gefängnis, weil er in einen Drogenhandel verwickelt war. Sechs Monate verbringt er an einem Ort, der ihm beinahe den Verstand geraubt hätte. Das zweite Mal muss er für eine Woche wegen einem Hinterhalt hinter Gitter. Eine Frau am Strassenrand hatte er angesprochen, weil sie weinte. Sie bat ihn u etwas Geld und er streckte ihr etwas von seinem hin. In dem Moment stürzten einige Typen hervor, raubten ihm alles, was er besass und zeigten ihn wegen sexueller Belästigung an der Frau an.

Nach seiner Zeit im Iran, reist er weiter in die Türkei. Eine Woche lang harrt er mit drei anderen Menschen im T-Shirt im Schnee aus. Ohne Wasser, ohne Essen und barfuss überqueren sie das Gebirge, das sie von der Türkei trennt. In Istanbul arbeitet er eine Zeit lang als Friseur.

Seine Reise führt ihn schliesslich weiter über das Meer. Da sind drei bis vier Schlauchboote für mehr als 50 Personen. Einen Tag und eine Nacht lang dauert die Überfahrt. Als sein Freund seine Zigarette auf das Schlauchboot fallen lässt, resultiert ein Loch im Gummi des Bootes. Mit den Händen versuchen sie zu verhindern, dass die ganze Luft rausgeht und sie ertrinken müssen.

Angekommen in Griechenland, bleibt er eine Weile lang in Athen, wo er als Velomechaniker und Landschaftsgärtner sein Leben verdient. Er ist einsam, müde und muss schmerzliches Heimweh erleiden. Er beginnt sich zu fragen, was er hier überhaupt tut, sucht nach einem Sinn. Er sehnt sich so sehr nach einer sicheren Heimat. An einem Abend, als er ganz alleine am Strand sitzt und seinen trübseligen Gedanken nachhängt, lernt er seinen besten Freund kennen. Sein Freund will nach Österreich, er zu jenem Zeitpunkt hat das Ziel, nach Norwegen zu gelangen.
Die beiden machen sich auf nach Österreich. Bis ins Flugzeug haben sie es mit ihren gefälschten Pässen geschafft, doch als eine weitere Passkontrolle im Flugzeug erfolgt, hat Ezmari dummerweise seinen Namen auf dem Pass bereits wieder vergessen. Ein weiteres Mal wird er in Handschellen abgeführt und die Pläne der beiden Freunde durchkreuzt.

Schliesslich treten sie den Weg Richtung Westeuropa zu Fuss und mit dem Taxi an und reisen nach Kroatien und schliesslich nach Österreich.
Mit dem Zug gelangen sie weiter in die Schweiz, genauer nach Altstetten. Da sie wieder keinen Pass bei sich haben, um sich ausweisen zu können, werden sie ein weiteres Mal verhaftet. Nach ihrer Registrierung und der Erstanhörung gelangen sie schliesslich in das Asylheim in Altstetten. Später wird Ezmari dem Kanton Aargau zugeteilt, seinen besten Freund verliert er aus den Augen.

Während Ezmari im Asylheim verzweifelt versucht hat zu lernen, beginnt er in Cafés nach Konzentration zu suchen. Trotzdem will es ihm nicht so recht gelingen. So wendet er sich an die Caritas, über welche er schlussendlich zu seiner heutigen Pflegefamilie gelangt.
Dann findet er ihn zufälligerweise auf Facebook wieder. Seinem Freund allerdings geht es heute nicht so gut wie Ezmari selbst. Er sagt, er habe begonnen zu trinken, er befinde sich in einem schlechten Umfeld. Er sei nicht so glücklich gewesen wie er, sagt er nachdenklich.

Ezmari hat nie eine richtige Schule besucht, er hat sich Mathematik selber beigebracht. Mithilfe einer Schnur hat er die Strecken einer Länge abgemessen und sich so selber überprüft.
Er wohnt seit eineinhalb Jahren bei seiner Pflegefamilie, wo drei Kulturen unter einem Dach leben: Schweiz, Afghanistan und England. Trotzdem habe es nie Probleme gegeben, sie hätten ein sehr gutes Verhältnis. Stolz erzählt er uns von seinem selbstgemachten Geburtstagsgeschenk für seinen Gastvater.

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Ezmaris Weg bisher war ein steiniger, voller Hindernisse. Heute erzählt er uns voller Humor von seinen Erlebnissen, doch er wirkt auf uns wie ein sehr weiser Mann, obwohl er nicht so viel älter ist als wir. Als Ezmari in die Schweiz kam, wurde er nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen. Während dem er die Berufsschule in Lenzburg besuchte, haben ihn seine Mitschüler stets schikaniert, obwohl er bessere Noten schrieb, ohne „richtig Deutsch zu können“. Heute aber habe er viele Freunde. Bereits vielen Leuten hat er seine Geschichte erzählt, er ist in der NZZ erschienen und wird in Zukunft an einem Film mitwirken, der 2017 ins Kino kommen soll.

Trotzdem würde Ezmari in seine Heimat zurückkehren, wäre dort die Sicherheit besser. Nicht, weil er in der Schweiz nicht zufrieden sein, sondern weil dort seine Wurzeln liegen, dort nun mal seine Heimat ist. In Afghanistan sind die Gerüche und Farben seiner Kindheit, seine Erinnerungen, bevor er sich als Jugendlicher viel zu schnell zu einem Erwachsenen entwickeln musste.

„Heimat kann man nicht beschreiben, man kann es nur mit dem Herzen fühlen.“

Deswegen wünschen wir Ezmari, dass eines Tages auch wir, als Schweizer, als seine Mitmenschen, ihm ein Stück Heimat, das er in seinem Herzen tragen kann, geben können. Versuchen können wir es, angefangen damit, dass wir einander zuhören und voneinander lernen.
Alles Liebe,

Jil&LaraB

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